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Dirk v.Kügelgen (Kuegelgen)
Erfahrenes Mitglied
Benutzername: Kuegelgen

Nummer des Beitrags: 104
Registriert: 1-2004
Veröffentlicht am Montag, 18. Juni 2007 - 22:46 Uhr:   Beitrag editierenBeitrag löschen

Da kann ich mich voll anschließen:
"Pfeifenraucher waren weder was Besonderes noch etwas Unwillkommenes - sie gingen im Alltag unter."
"Jetzt in den reiferen Jahren ist die Pfeife etwas ganz Normales in meinem Alltag geworden."

Und: Es macht mir nach wie vor Freude, neue Pfeifen zu finden, die meinem "Stil" entsprechen - und nicht zuletzt: Ich habe einige gute Freunde und interessante Gesprächspartner über mein "Hobby" gefunden".
Das ist mir nicht unwichtig... – dagegen mir völlig unwichtig, dass es "Angeber" und "Laffen" gibt, die versuchen (meist unbeholfen und ohne Sachverstand), sich über die Pfeife zu definieren oder die Eindruck schinden wollen. Die gibt es überall und auf allen Gebieten. Die gab es auch in der DDR.

Dirk
Peter Lehmann (Unregistrierter Gast)
Unregistrierter Gast
Veröffentlicht am Sonntag, 17. Juni 2007 - 9:59 Uhr:   Beitrag editierenBeitrag löschen

Damals - da gab es ja noch zwei Teile der Welt und ich lebte in dem kleineren Teil. Ja, Pfeifen rauchten Einige auch- entweder Howal oder die aus der Erbmasse vom Großvater. Schließlich hatten wir alle Huck Finn gelesen. An irgendeinen Kult oder Kniefall an die oder vor der Pfeife kann ich mich nicht erinnern. Sie war halt ein Rauchentwicklungsinstrument für oft ältere Männer oder pubertierende Knaben. Es gab wohl ausschließlich nur die klassischen Formen in manchmal, aber nicht durchweg schlechter Bruyerequalität oder in Buche. Wer, wie ich damals mal eine Pfeifenidee hatte, bettelte bei Howal um ein Klötzchen und feilte sich daraus seinen Ulmer.
An Kallenberg als Pfeifenbauer kann ich mich erinnern und aus Ruhla kamen in den frühen 60iger Jahren noch Gesteck-Pfeifen. Läden, in denen dem Kunden von eleganten Herren eine Pfeife zelebriert und ein Eiertanz mit verzückt geschlossenen Augen und zittrigen Händen dazu vorgeführt wurde, sind mir auch nicht erinnerlich. Es war eben nur ein Gebrauchsgegenstand wie ein Löffel oder ein Fahrrad - nichts weiter. Eingekauft wurde (wie es in den großen Städten war, weiß ich nicht) im Tabakladen um die Ecke. Wer Westgeld hatte, könnte sich auch mal was Anderes als Amphora oder Prestige leisten. Schwarzer Krauser war ein Alltagsknaster und der Pfeifenraucher hatte kein besonderes Image. Bei Studenten allerdings fing dann ein gewisses Etwas für der Pfeifenraucher an. (Auch ich hatte im Uni-Campus seit 1964 oder bei den Magedeburger Jazz-Sessions das Holz zwischen den Zähnen und habe das in moderater Intensität bis heute beibehalten) Man zeigte sich als Student gern bei Rotwein philosophierend mit der Pipe im Freundeskreis. Da Rauchen weder verpönt noch gefördert war, hatte es auch keinen besonderen Status. Und Kinder mit Lulle auf der Straße mußten schon mal mit einer Ohrfeige von Passanten, einem bösen Blick von Schutzmann und ein Zitieren vor den Schulrat rechnen.
Ergo - Pfeifenraucher waren weder was Besonderes noch etwas Unwillkommenes - sie gingen im Alltag unter
Vielleicht hat ein anderer eingebohrener DDR- Bürger da andere Erinnerungen, obige zumindest sind die Meinigen

Dann kam das Jahr 1989. Freunde hatten 1990 ein Großes Fest im Steinbruch Rochlitz mit ca 300 Besuchern organisiert- darunter auch viele Besucher westlich der Elbe ...Und da sah ich sie das erste Mal. Die Träger zelebrierten regelrecht ihre wunderbaren Freiformen und Klassiker. Sehen und gesehen werden, war die Devise. Pfauengleich stolzierten die Träger durch die Reihen, Blicke nach links und rechts werfend - ob sie auch Beachtng fänden. Das war in dieser Form neu für mich - die Pfeife als Statusobjekt. Also holte auch ich mutig meine Howalklötzchen- Eigenbau aus dem Handschuhfach meines DKW-F2 und stellte mich den Blicken. Hier und da ein Gespräch, hier und da Neugier und hier und da mitleidige Nachsicht.

An diesem Tag verlor ich neben der Pfeifenunschuld auch bei einem notwendigen Gang hinter das Gebüsch meine Kreation im tiefen Grase und schwor mir - das nachsichtige Grinsen wird euch in ein paar Jahren vergangen sein- und das kannst´e auch bald bauen.
Seit der Zeit bekam die Pfeife auch in Mitteldeutschland den Tatsch des Exclusiven und die Träger erhielten Beachtung. Warum das so kam, weiß ich nicht - aber diese Entwicklung hält an. Junge Schlipsträger-Geschäftleute halten sich jetzt mit wichtiger Miene an der Pipe fest und Sammler (von denen es wohl vor 89 hier kaum welche gab) geben den Ton an. Seit ein paar Jahren nutze ich neben einigen auch neu auf die Bühne getretenen Handwerkern nun diese Entwicklung und freue mich über die vielen, netten Kontakte und sogar Freundschaften, die daraus entstehen und die durchaus florierende Werkstatt. Der Pfeifenerlös füllt zwar noch nicht den Kühlschrank und den Heizöltank, aber zusammen mit den anderen Standbeinen (Holzbau und Engel) wird ein Schuh draus.

jetzt in den reiferen Jahren ist die Pfeife etwas ganz Normales in meinem Alltag geworden. Sie dient der Entspannung nach einem langen harten Arbeitstag. Im Kreis von Gleichgesinnten ist sie ein Instrument der Verständigung und im Winter wärmt sie die Hände. Mittlerweile gibt es auch eine erquickliche Anzahl von Leuten, denen ich mit den Pfeifen aus meiner Werkstatt ein Stück meiner Lebensphilosophie mitgeliefert habe. Ich hoffe, meine Pfeifen sprechen zu denen von den Mühen und Freuden der Pfeifenbauerei. Die wilden Jahre sind vorbei - auch gut. Auf jeden Fall wird das sparsam genutze Rauchmöbel mich wohl bis ins Nirvana begleiten.

An dieser Stelle möchte ich noch sagen, daß ich meinem (ehemals sächsischen) Freund Klaus Billerbeck unendlich dankbar bin für seine Hilfe bei meinen ersten Schritten ins professionelle Pfeifenbauerleben. Nichts behielt er für sich - ich dürfte von ihm, was den Pfeifenbau betrifft,
alles erfahren.

ein wenig sentiment - PL

www.lehmannschewerkstaetten.comFeierabend

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